Magnetisierungswerte bei Tonbandgeräten
Magnetischer Fluss (Flux) Nanoweber (nWb/m)
Die Magnetisierungswerte sind ein entscheidender technischer Parameter bei Tonbandaufnahmen, da sie die Klangqualität und Aufnahmecharakteristik maßgeblich beeinflussen. Hier erklären wir detailliert die Bedeutung der Flux-Magnetisierungswerte 320 nWb/m und 510 nWb/m im Kontext der neuen Revox B77 MKIII und erläutern, welche Auswirkungen diese auf Deine Tonbandaufnahmen haben.
Zunächst werden die Grundlagen der Magnetisierungswerte vermittelt, um ein tieferes Verständnis für deren Relevanz zu schaffen. Anschließend erfolgt ein Vergleich der beiden Standardwerte, um deren technische Bedeutung und praktische Unterschiede herauszuarbeiten.
Im nächsten Schritt wird beleuchtet, wie sich die Magnetisierungswerte konkret auf die Klangqualität auswirken und wie Du diese an verschiedene Bandtypen anpassen kannst. Zudem werden mögliche Konsequenzen von Fehleinstellungen aufgezeigt.
Abschließend wird die praktische Anwendung am Beispiel der Revox B77 MKIII demonstriert und es werden Empfehlungen für unterschiedliche Anwendungsszenarien gegeben. So kannst Du die Magnetisierungswerte optimal nutzen und Ihre Tonbandaufnahmen auf ein neues Qualitätsniveau heben.
Grundlagen der Magnetisierungswerte
Was ist der Magnetisierungswert?
Der Magnetisierungswert, gemessen in Nanoweber pro Meter (nWb/m), ist bei Tonbandaufnahmen vergleichbar mit der Belichtung in der Fotografie.
Er bestimmt die Intensität, mit der das Audiosignal auf das Magnetband übertragen wird.
Die Stärke der Magnetisierung beeinflusst direkt:
  • Die Lautstärke der Aufnahme
  • Die Dynamik des Audiosignals
  • Das Signal-Rausch-Verhältnis
  • Die Verzerrungscharakteristik
  • Die Kompatibilität mit verschiedenen Bandtypen
Magnetischer Fluss beim Aufzeichnungsprozess:
Das Signal wird mit definierter Stärke auf das Band übertragen.
Je höher der Magnetisierungswert, desto stärker wird das Audiosignal auf das Band geschrieben – das Band muss entsprechend hochwertig sein, um dies ohne Qualitätsverlust zu bewältigen.
Die Standard-Magnetisierungswerte im Vergleich
320 nWb/m
Der historische Standardpegel (früher als "0 dB" bezeichnet)
  • Europäischer Rundfunkstandard (CCIR)
  • Optimiert für ältere Bandtypen
  • Geringere Aussteuerungsreserve
  • Höhere Kompatibilität mit historischen Aufnahmen
  • Typisch für Radio-, Archiv- und ältere Studioanwendungen
510 nWb/m
Der erhöhte Pegel (entspricht etwa "+4 dB")
  • Moderner Studiostandard
  • Optimiert für hochwertige Bandmaterialien
  • Besseres Signal-Rausch-Verhältnis
  • Höhere Dynamik und Aussteuerungsreserve
  • Typisch für professionelle Studioproduktionen ab den 1980er Jahren
Der Unterschied von ca. 4 dB zwischen diesen Standardwerten hat erheblichen Einfluss auf die Klangcharakteristik und technische Qualität der Aufnahmen. Die Revox B77 MKIII kann zwischen diesen Werten umgeschaltet werden.
Technische Bedeutung des Magnetisierungswerts
Definierte Referenz für Kalibrierung
Der Magnetisierungswert dient als definierte Referenz für:
  • Die Kalibrierung der Aufnahme-Elektronik
  • Das Einpegeln der VU-Meter (0 dB Anzeige)
  • Die korrekte Vormagnetisierung (Bias)
  • Die Entzerrung bei Wiedergabe (Equalization)
  • Die Sicherstellung der Kompatibilität zwischen verschiedenen Geräten
Die Magnetisierungswerte sind in internationalen Standards wie IEC und DIN definiert, um die Austauschbarkeit von Aufnahmen zu gewährleisten.
Bedeutung für die Signalverarbeitung
Der eingestellte Magnetisierungswert bestimmt:
  • Die maximale Aussteuerung, bevor Verzerrungen auftreten
  • Die Wiedergabeentzerrung für korrekte Frequenzgänge
  • Die Vormagnetisierungsstärke (HF-Bias)
  • Die Anpassung an unterschiedliche Bandformulierungen
Auswirkungen auf die Klangqualität
Dynamikumfang
Bei 510 nWb/m wird ein größerer Dynamikbereich erreicht:
  • Etwa 4 dB mehr Headroom
  • Bessere Abbildung von Transienten
  • Klarere Darstellung von Lautstärkeunterschieden
  • Mehr "Punch" bei perkussiven Instrumenten
Rauschverhalten
Höherer Magnetisierungswert führt zu:
  • Verbessertem Signal-Rausch-Verhältnis
  • Geringerem Grundrauschen im Verhältnis zum Nutzsignal
  • Besserer Hörbarkeit leiser Passagen
  • Mehr Transparenz bei komplexem Material
Frequenzgang
Der gewählte Magnetisierungswert beeinflusst:
  • Die Linearität des Frequenzgangs
  • Die Höhenwiedergabe (besonders kritisch)
  • Die Bandbreite der Aufnahme
  • Die Natürlichkeit der Klangfarben
Frequenzgangkurven bei unterschiedlichen Magnetisierungswerten zeigen folgenden Trend ab:
Bei 510 nWb/m ist die Höhenwiedergabe etwas ausgedehnter, während bei 320 nWb/m oft eine etwas wärmere Charakteristik entsteht.
Anpassung an verschiedene Bandtypen
1
Ältere Bandtypen (1950er-1970er)
Optimiert für 320 nWb/m:
  • BASF LP35, LGR30
  • Agfa PER525, PER555
  • 3M/Scotch 206, 207
Diese Bänder zeigen bei höheren Pegeln Sättigungseffekte und Verzerrungen.
2
Übergangszeit (1970er-1980er)
Kompatibel mit beiden Standards:
  • Ampex 456
  • BASF SPR50
  • Agfa PEM468
Diese Bänder erlauben bereits höhere Aussteuerungen, funktionieren aber auch gut mit 320 nWb/m.
3
Moderne Bandformulierungen (ab 1980er)
Optimiert für 510 nWb/m:
  • Quantegy/Ampex GP9
  • RMG SM900, LPR35
  • ATR Magnetics Master Tape
  • Recording The Masters SM911
    Diese hoch entwickelten Bänder wurden speziell für höhere Magnetisierungswerte entwickelt.
Die Wahl des korrekten Magnetisierungswerts sollte stets dem verwendeten Bandtyp angepasst werden. Moderne Bänder profitieren deutlich von der höheren Aussteuerung mit 510 nWb/m, während historische Aufnahmen oft mit 320 nWb/m erstellt wurden.
Konsequenzen bei Fehleinstellungen
Zu niedriger Magnetisierungswert
(z.B. 320 statt 510 nWb/m)
  • Verschenktes Potential:
    Die Aufnahme nutzt nicht die volle Dynamik des Bandes aus
  • Erhöhtes Rauschen:
    Das Signal-Rausch-Verhältnis verschlechtert sich
  • Geringere Lautstärke:
    Die Aufnahme klingt insgesamt leiser
  • Weniger "Punch":
    Dynamische Passagen wirken komprimierter
  • Reduzierte Höhenwiedergabe:
    Feine Details können verloren gehen
Zu hoher Magnetisierungswert
(z.B. 510 statt 320 nWb/m)
  • Bandsättigung:
    Das Magnetband wird übersteuert
  • Verzerrungen:
    Besonders in den Höhen treten "Schmiereffekte" auf
  • Überbetonte Mitten:
    Der Klang wird härter und mittenlastig
  • Übersteuerung der Elektronik:
    Interne Schaltungen können überlastet werden
  • Erhöhter Kopfverschleiß:
    Die höhere Magnetisierung kann zu schnellerem Verschleiß führen
Der Unterschied zwischen einer korrekt ausgesteuerten Aufnahme und einer übermagnetisierten Aufnahme mit Sättigungseffekten kann in manchen Fällen als kreatives Mittel eingesetzt werden, führt jedoch meist zu unerwünschten Klangverfärbungen.
Praktische Anwendung an der Revox B77 MKIII
Hinter der Abdeckplatte direkt über dem Frontpanel der Revox B77 MKIII findest Du die Magnetisierungswert-Einstellung über den Drucktaster.
Umschaltung zwischen 320 nWb/m und 510 nWb/m
Bei der Revox B77 MKIII erfolgt die Umstellung des Magnetisierungswerts ganz einfach über die Taste FLUX.
Bei anderen Bandmaschinen kann die Einstellung erfolgen durch:
  1. Interne Jumper: Auf der Platine befinden sich Steckbrücken zur Umschaltung
  1. Kalibrierungspotentiometer: Feinjustierung der Pegel für Aufnahme und Wiedergabe
  1. Bei einigen Versionen: Externe Schalter auf der Rückseite des Geräts
Bei anderen Bandmaschinen als der Revox B77 MKIII kann die Umstellung zwischen den Magnetisierungswerten Teil einer umfassenden Kalibrierung sein. Es reicht nicht aus, nur einen Parameter zu ändern, da alle Komponenten der Signalkette aufeinander abgestimmt sein müssen, um optimale Ergebnisse zu erzielen.
Empfehlungen für verschiedene Anwendungsszenarien
Archivaufnahmen & historisches Material
Empfohlener Wert: 320 nWb/m
Optimal für:
  • Wiedergabe von älteren Rundfunkbändern (1950er-1970er)
  • Archivmaterial aus europäischen Quellen (CCIR-Standard)
  • Eigene Aufnahmen auf älteren Bandtypen
  • Wenn Sie einen "vintage" Klangcharakter bevorzugen
Moderne Produktionen & hochwertige Aufnahmen
Empfohlener Wert: 510 nWb/m
Optimal für:
  • Eigene Aufnahmen auf modernen Bandtypen
  • Maximale Klangqualität und Dynamik
  • Professionelle Studioanwendungen
  • Wenn Sie besonders rauscharme Aufnahmen anstreben
  • Bei Verwendung von hochwertigen Bandmaterialien wie SM900, GP9
Gemischte Anwendung
Empfehlung: Flexibilität bewahren
  • Idealerweise beide Einstellungen vorhalten (wenn technisch möglich)
  • Regelmäßige Überprüfung der Kalibrierung
  • Testaufnahmen mit verschiedenen Bandtypen durchführen
  • Dokumentation der verwendeten Einstellungen bei eigenen Aufnahmen
Die optimale Einstellung hängt stark von Ihrem individuellen Anwendungsfall ab. Erfahrener Techniker kalibrieren jede Revox B77 MKIII so, dass Du zwischen beiden Standards wechseln kannst, ohne jedes Mal eine vollständige Neukalibrierung vornehmen zu müssen.
Zusammenfassung: Magnetisierungswerte verstehen und anwenden
Kernpunkte zum Mitnehmen
  • Der Magnetisierungswert (nWb/m) bestimmt die Intensität der Signalübertragung auf das Band
  • 320 nWb/m ist der historische Standard für europäische Rundfunkbänder (CCIR)
  • 510 nWb/m ist der moderne Standard für hochwertige Studioproduktionen
  • Die richtige Wahl hängt vom Bandtyp und Anwendungsfall ab
  • Fehleinstellungen führen zu Klangeinbußen, Rauschen oder Verzerrungen
  • Die Revox B77 MKIII kann zwischen beiden Standards umgeschaltet werden
  • Eine professionelle Kalibrierung auf ein bestimmtes Tonband umfasst Aufnahme- und Wiedergabepegel, Bias und Equalization
"Die korrekte Einstellung des Magnetisierungswerts ist der Schlüssel zur optimalen Klangqualität Ihrer Tonbandaufnahmen."